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2015-08-05

Centuria I, Experimentum 33: Orte und Jahre: Florenz 1434

Ausschnitte aus hck: "Philosophie der Renaissance": Teil 4




Hier nun der vierte Teil der Ausschnitte aus meinem 2014 erschienenen Einführungsband zur Philosophie der Renaissance. Zum Kontext und für Auszüge aus dem Kapitel "München 2013" siehe hier. Auszüge aus dem vorigen Kapitel ("Padua 1408") gibt's hier.


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Florenz 1434

            1434, das ist das Jahr, in dem Leon Battista Alberti[1] gemäß seiner (Auto???)biographie[2] in 90 Tagen die ersten drei Bücher seines Werkes De familia[3] verfasst.[4] Florenz,[5] das ist die Stadt seiner Familie,[6] die Stadt auf die dieses Werk zielt, Stadt in der Alberti gemäß der Angabe den Text in Rom verfasst zu haben nicht war als er jene drei Bücher schrieb, Florenz ist eine Stadt die Alberti im selben Jahr 1434 - oder vielleicht auch erst 1435 - zum ersten Mal nachweisbar betritt,[7] ist die Stadt in deren Sprache (estrusca - Toskanisch) er den Text verfasst, die Stadt deren Bibliotheken noch heute den Hauptteil der Handschriften des Werkes enthalten.[8]


            Abgesehen von einer erheblichen Bearbeitung von Buch III durch einen anderen Autor:[9] 17 Handschriften überliefert (davon eine eine Abschrift einer der anderen 16) und keinerlei bekannte rinascimentale Drucke: dies ist alles andere als viel im Vergleich zu den mindestens 52 Handschriften plus mindestens 9 Druckauflagen von Paulus Venetus Summa naturalis philosophie[10] ganz zu schweigen von den mindestens 254 Handschriften und mindestens 26+12+29 Druckausgaben[11] von Petrarcas De remediis utrisque fortune.[12] Und ob das, was in Albertis Text verhandelt wird, im 14. bis zum 17. Jahrhundert nicht in anderen Texten mindest zum Teil mindestens ebenso lesenswerte Diskussion gefunden habe, ist wohl nicht objektiv zu sagen, ist gewiss nicht offensichtlich affirmierbar.[13]
            Weder in der mehr oder minder zeitgenössischen Wirkung und Verbreitung, noch in etwaiger "Exemplarität" des Textes qua Text, noch in der (unbestrittenen) Qualität des Textes liegt der Grund seiner Behandlung hier. Ich behandle den Text hier nicht um seiner selbst willen, sondern aus dem Bewusstsein heraus, dass ideengeschichtliche bzw. philosophiehistorische Texte (wie der, dessen Teil dieser Satz ist) die Erkenntnis wirkmächtiger Traditionen, in denen sie (gleich ob zustimmend oder widersprechend) stehen, anerkennen sollten.
            Mehr als - soweit mir erkennbar - jeder andere Text hat Jacob Burckhardts Die Cultur der Renaissance in Italien[14] (Erstdruck 1860)[15] zumindest im deutschen (und wohl auch englischen Sprachraum) bis heute nachhaltig die Vorstellungen zur Renaissance als Epoche[16] und insbesondere zu ihrer Geistesgeschichte geprägt. Als virtuoses Werk des 19. Jahrhunderts bewundernswert, scheint doch erklärungsbedürftig (und ist mir bislang unerklärlich), dass es nicht als solches, sondern als zeitunabhängig grundlegender und gültiger Grundstein der Renaissancestudien rezipiert wurde und wird.[17]

            Ihr Zweiter Abschnitt: Entwicklung des Individuums[18] ist in den "völlig ausgebildeten Menschen"[19] gewidmeten Absätzen, den Ausführungen Burckhardts zum "allseitigen Menschen", zum "uomo universale"[20] Leon Battista Alberti die zentrale Figur.[21] Schon bevor Alberti selbst Gegenstand dieses Kapitels wird wird eines seiner Werke, eben De Familia, davon das dritte Buch in der oben erwähnten stark überarbeiteten Fassung (für die Burckhardt Albertis Autorschaft als Hypothese bekannt ist)[22] zum Beleg des "Individualismus"[23] auch bei Verlierern politischer Auseinandersetzungen:[24]


[1]           Zu Alberti in philosophischer Hinsicht siehe insbesondere: Eckhard Keßler: Die Philosophie der Renaissance: das 15. Jahrhundert, München [C.H. Beck] 2008, pp. 42-50 und pp. 205-208 (und die dort genannte Literatur). Ebenfalls durchweg der Lektüre wert und reich an nützlichen bibliographischen Angaben: Anthony Grafton: Leon Battista Alberti: Master Builder of the Italian Renaissance, New York [Hill and Wang] 2000 (hiervon gibt es eine parallele Ausgabe London [Allen Lane The Penguin Press] 2001 und eine - von mir nicht eingesehene deutsche Übersetzung (Leon Battista Alberti: Baumeister der Renaissance [Berlin : Berlin Verlag] 2002). Eine hervorragende Bibliographie der zwischen 1995 und 2010 zu Alberti erschienen Literatur (und Links zu weiterem) bietet Michel Paoli & Francesca Garibotto: Leon Battista Alberti (1404-1472) : Bibliografia 1995-2010 (2011-02-17), URL http://alberti.wordpress.com/ .
[2]           Zur Autorschaft des Textes siehe unten, Fußnote 30.
[3]           Italienischer Text: Leon Battista Alberti (ed. Francesco Furlan): I libri della famigliaTorino [Giulio Einaudi] 1999 (im Folgenden zitiert als DFit). Deutsche Übersetzung durch Walter Kraus (mir ist nicht bekannt auf Basis welcher Textvorlage): Leon Battista Alberti: Vom Hauswesen (Della Famiglia), München [Deutscher Taschenbuch Verlag] 1986 (ursprünglich vermitlich erschienen Zürich 1982, weitere Ausgaben vorhanden, im Folgenden zitiert als DFdt). Soweit m.E. sinnvoll möglich (will heißen wo nicht Probleme der Übersetzung dem m.E. kräftig entgegenstehen) zitiere ich in diesem Kapitel - dem einführenden Charakter des Werkes gemäß - aus DFdt.
            Für Interpretationen von und Literaturverweise zu De famiglia siehe Anthony Grafton: Leon Battista Alberti: Master Builder of the Italian Renaissance, New York [Hill and Wang] 2000, pp. 142-182 (auch extrem lesenswert zu den Kontexten des Textes!), und Sabrina Ebbersmeyer: Homo agens: Studien zur Genese und Struktur frühumanistischer Moralphilosophie, Berlin [De Gruyter] 2010, pp. 256-279.
[4]           Zu den Angaben in jenem biographischen Text zur Entstehung von De Familia siehe Roberto Cardini: Alberti e Firenze in: Roberto Cardini & Mariangela Regoliosi (edd.): "Alberti e la cultura del Quattrocento : atti del convegno internazionale del Comitato nazionale VI centenario della nascita di Leon Battista Alberti, Firenze, 16-17-18 dicembre 2004", Firenze [Polistampa] 2004 (ich habe die elektronische Version verwendet), pp. 223-266, hier pp. 248-253 und die dort angegebene Literatur (auch zur Entsehungsgeschichte von De familia insgesamt!) und Anthony Grafton: Leon Battista Alberti: Master Builder of the Italian Renaissance, New York [Hill and Wang] 2000, pp. 154-156. Zur Entstehungsgeschichte und Überlieferung siehe ebenfalls (und keinesfalls nachrangig!) Francesco Furlan: Nota al testo in: Leon Battista Alberti: "I libri della famiglia ... Nuova edizione a cura di Francesco Furlan", Torino [Giulio Einaudi] 1999, pp. 429-478, hier pp. 431-461. Siehe auch Anthony Grafton: Worlds Made by Words: Scholarship and Community in the modern West Cambridge (Mass.) & London [Harvard university press] 2009, p. 42 & p. 338sn27 zu Überarbeitungen und ihren Anlässen und Kontexten.
[5]           Zur Geschichte von Florenz siehe zur Einführung: John F. Najemy:A history of Florence 1200-1575, Chichester [Blackwell] 2008. (Zu einzelnen Punkten - last not least "civic humanism" sollte weitere Literatur herangezogen werden, z.B.: James Hankins (ed.): Renaissance civic humanism: Reappraisals and Reflections, Cambridge [Cambridge university press] 2000.) Zu politischem in De familia und zur Figur des Messer Benedetto siehe Luca Boschetto: Memoria familiare e passato cittadino negli scritti di L. B. Alberti in: Лидия Михайловна Брагина (ed.): "Леон Баттиста Альберти и культура Возрождения", Moskva [Nauka] 2008, pp. 5-24.
[6]           Ein von Leon Battista Alberti selbst (1438/1440 mit späteren Ergänzungen) erstellter Stammbaum der Familie Alberti findet sich (ediert und kommentiert durch Lucia Bertolini) in: Paolo Benigni, Roberto Cardini, Mariangela Religiosi & Elisabetta Arfanotti (edd.): Corpus epistolare e documentario di Leon Battista Alberti Firenze [Polistampa] 2007, pp. 164-176, spec. p. 166s und als Facsimilie in Paolo Benigni, Roberto Cardini, Mariangela Religiosi & Elisabetta Arfanotti (edd.): Corpus epistolare e documentario di Leon Battista Alberti Firenze [Polistampa] 2007, pp. 441-443. Ein ausführlicher Stammbaum findet sich in Fritz Schalk: Einleitung in: Leon Battista Alberti: "Vom Hauswesen (Della Famiglia)", München [Deutscher Taschenbuch Verlag] 1986, p. [XXXIV]s.
[7]           Roberto Cardini: Alberti e Firenze in: Roberto Cardini & Mariangela Regoliosi (edd.): "Alberti e la cultura del Quattrocento : atti del convegno internazionale del Comitato nazionale VI centenario della nascita di Leon Battista Alberti, Firenze, 16-17-18 dicembre 2004", Firenze [Polistampa] 2004 (ich habe die elektronische Version verwendet), pp. 223-266, hier p. 229 & p.229n21.
[8]           10+1 der 16+1 überlieferten Handschriften (siehe Francesco Furlan: Nota al testo in: Leon Battista Alberti: "I libri della famiglia ... Nuova edizione a cura di Francesco Furlan", Torino [Giulio Einaudi] 1999, pp. 429-478, hier pp. 431-436.
[9]           siehe Francesco Furlan: Nota al testo in: Leon Battista Alberti: "I libri della famiglia ... Nuova edizione a cura di Francesco Furlan", Torino [Giulio Einaudi] 1999, pp. 429-478, hier p. 436 & p436n2.
[10]          siehe voriges Kapitel.
[11]          Siehe Heinrich C. Kuhn: Spannungen und Spannendes in Petrarcas Schrift über die Heilmittel gegen beiderlei Fortuna in " Petrarca 2004 in München! : Texte von Beiträgen zur Interdisziplinären Vortragsreihe durch Münchner Gelehrte zur Feier der 700. Wiederkehr des Geburtstags Francesco Petrarcas im Sommersemester 2004" (2004-09-22), URL: http://www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/SekLit/P2004A/Kuhn.htm , Fußnote 6 sowie im Haupttext http://www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/SekLit/P2004A/Kuhn.htm#Stelle6 bis http://www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/SekLit/P2004A/Kuhn.htm#Stelle15 und Heinrich C. Kuhn: Petrarcas "De remediis": Ethik ohne Richtschnur? (2007-08-20, URL:  http://www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/php/Kuhn/ePub/Pet05/20070820.htm , gedruckt in abweichender Fassung in Sabrina Ebbersmeyer und Eckhard Keßler (edd.): "Ethik - Wissenschaft oder Lebenskunst? - Modelle der Normenbegründung von der Antike bis zur Frühen Neuzeit", Berlin [Lit] 2007), pp. 127-141 : "Mindestens 254 Handschriften, deutlich mehr als für jedes andere lateinische Werk Petrarcas sind uns von De remediis erhalten. Willard Fiske hat für die Zeit bis 1650 26 vollständige und 12 unvollständige Druck-Ausgaben des Lateinischen Textes  gezählt, dazu für Druckausgaben von Übersetzungen: 1 Tschechische, 1 Niederländische, 1 Englische, 3 Französische, 12 Deutsche, 4 Italienische, 6 Spanische, 1 Schwedische. Die Ausgaben reichen vom Folianten für die Bibliothek bis zum echten Taschenbuch, für den intendierten Gebrauch als Vademecum: gerade mal 10.4 mal 7.4 mal 2.5 cm misst etwa der Buchblock der Genfer Stœrschen Ausgabe von 1628.", Siehe auch die dort angegebene Literatur. Siehe zur rinascimentalen Verbreitung auch die Literaturangaben bei George W. McClure): Sorrow and consolation in Italian humanism, Princeton: [Princeton University Press] 1991, p. 207n38. Zur Fortuna des Werkes siehe auch: Manfred Lentzen: La fortuna del "De remediis utriusque fortunae" del Petrarca nei paesi di lingua tedesca; Sebastian Brandt e il Petrarca, in: Luisa Secchi Tarugi (ed.): "Francesco Petrarca : L'opera latina: Tradizione e fortuna : Atti del XVI Convegno internazionale (Chianciano-Pienza 19-22 luglio 2004", Firenze [Franco Cesati] 2006,, pp. 361-372.
[12]          Dies ist der Text der im Kapitel "Prag 1356" die ausführlichste Behandlung erfahren hat.
[13]          Wer Albertis Text kennt und des Augustinus Niphus Texte nicht kennt möge erwägen auf des letzteren De vera vivendi libertate und De divitiis (beide zugänglich über URL http://www.uni-mannheim.de/mateo/itali/autoren/nifo_itali.html ) einen Blick zu werfen ... . Zu weiteren Œconomica betreffenden Texten siehe weiter unten in diesem Kapitel hier.
[14]          Von mir im folgenden zitiert nach Jacob Burckhardt (ed. Horst Günther): Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989.
[15]          Der Erstdruck ist in digitalisierter Form als Scan zugänglich unter
http://diglit.ub.uni-heidelberg.de/diglit/burckhardt1860a/ bzw.
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-diglit-34787 .
[16]          Das Konzept der Renaissance als Epoche geht nicht auf Burckhardt sondern auf den heute weit weniger rezipierten Jules Michelet (Renaisance et reforme: Histore de France au XVIe siècle, Paris [Robert Lafont] 2005 - Vorwort datiert auf den 15. Januar 1855) zurück, den Burckhardt durchaus kennt -und zitiert (s.u.).
[17]          Dies Ausführungen z.B. Horst Günthers im Kommmentar zu seiner Ausgabe des Textes (Jacob Burckhardt [ed. Horst Günther]: Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989, p. 1003) scheinen mir eher Teil des Phänomens, Beleg solcher Rezeption, als Erklärung: "... Weil es nicht veraltet ist und weil es gar kein Interesse am Stoff erfordert, die Lektüre zu rechtfertigen. Es ist die Jugendgeschichte des modernen Europäers, und nur aus diesem Grunden handelt es von Ersceinungen des 14. und 15. Jahrhunderts in Italien. [...] Die autobiographische Neugier an der Menschwerdung und an dem Selbstbewußtwerden des modernen Geistes hat diesem Buch seine Leser zugeführt und erhalten." Der Artikel der Deutschen Wikipedia zu Renaissance (Stand 2010-07-21, 08:22h: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Renaissance&oldid=76900633 ) zitiert Burckhardts Werk in zwei Fußnoten (zu Fortleben der Antike und Bildung) als Sekundärliteratur ohne neueres zu diesen Themen zu verwenden, ähnlich, wenn auch mit deutlich geringerem Gesamtanteil an der zitierten Literatur auch der entsprechende und gleichnamige Artikel der englischen Wikipedia (Stand 2010-7-29, 10:34h: http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Renaissance&oldid=376065089 ).
[18]          Jacob Burckhardt (ed. Horst Günther): Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989, pp. 137-174: zusammen mit dem vierten ("Sie Entdeckung der Welt und des Menschen") wohl das am stärksten breit rezipierte Kapitel des ganzen Werkes.
[19]          "Zunahme völlig ausgebildeter Menschen": Jacob Burckhardt (ed. Horst Günther): Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989, p.142.
[20]          Jacob Burckhardt (ed. Horst Günther): Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989, pp. 142-147; p. 143: "dann entstand der 'allseitige Mensch', l'uomo universale".
[21]          Zu Alberti dort Jacob Burckhardt (ed. Horst Günther): Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989, pp. 145-147; Leonardo da Vinci wird zwar höher gepriesen (p. 147: "Und zu Alberti verhielt sich Lionardo da Vonci wie zum Anfänger der Vollender, wie zum Dilettanten der Meister"), aber nur in zwei Sätzen (statt auf mehr als zwei Seiten) behandelt.
[22]          Jacob Burckhardt (ed. Horst Günther): Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989, p. 141n5 und p. 301sn21.
[23]          Burckhardts Terminus: Jacob Burckhardt (ed. Horst Günther): Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989, pp. 140.
[24]          Jacob Burckhardt (ed. Horst Günther): Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989, pp. 140s. Fettungen durch mich.









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Exkurs

            Weder Albertis Lionardo noch Albertis Giannozzo haben erkennbare Erwartungen an - oder gar Wertschätzung für - weibliche intellektuelle Aktivität. Und die vorliegende Darstellung bietet – von diesem Exkurs hier abgesehen - keine Behandlung von Philosophinnen der Renaissance. Nicht weil es sie nicht gegeben hätte. Es gab sie.[1]
            Und es gab herausragende: Zum einen Christine de Pisan:[2] die erste postantike Person überhaupt, die allein von ihren nicht im Rahmen einer offiziellen Stellung verfassten Texten (und nicht von Pfründen, Gehalt/Besoldung, Einkommen als Mitglied eines Hofes, Gesandtentätigkeit ...) leben konnte.[3] Unter ihren zahlreichen Werken ist vermutlich heute am leichtesten zugänglich ihr Buch von der Stadt der Frauen (Libre de la cité des dames).[4] Die andere ist Marie de Gournay,[5] Herausgeberin Montaignes, Autorin zahlreicher eigener Texte, darunter Le Proumenoir de Monsieur de Montaigne - bereits als Text dessen Primäraddressat zum Zeitpunkt der Veröffentlichung durch Marie de Gournay verstorben war, als Text dessen Leserinnen und Leser ihn als einen Text lesen, der ihnen als Nichtprimäradressaten nie so verständlich sein kann wie der Autorin, von beträchtlichem Interesse, und inhaltlich auch.[6]
            Zu jeder von beiden Autorinnen ein Kapitel in den vorliegenden Band aufnehmen (inklusive der Bezugnahme auf weitere Autorinnen der Renaissance von [potentiellem] philosophischem Interesse)? Damit "gender awareness" zeigen oder vortäuschen, den Eindruck erwecken die Renaissance sei eine Periode gewesen, in der philosophierende Frauen solches Gewicht gehabt hätten, dass sie weitaus prominentere Behandlung verdient hätten, als Philosophinnen in den Zeiten die in anderen Bänden die anderen Zeiten gewidmet sind? Die Renaissance als eine Periode präsentieren, in der im Rahmen der "Entdeckung des Menschen"[7] auch eine Entfaltung von Philosophinnen Konjunktur gehabt hätte?[8] Insinuieren ihre meist unprominente oder gar fehlende Diskussion in (den meisten?) bisherigen Überblicksdarstellungen zur Philosophie der Renaissance sei allein (oder zumindest primär) Folge unreflektierter Weiterführung maskulin fokussierter Rezeptionstraditionen?
            Dies wäre nicht ehrlich.[9] Und es wäre nicht fair. Vor allem: nicht fair gegenüber den philosophierenden wie den nicht-philosophierenden Frauen der Renaissance.[10] Diskriminierende Ansichten und Umstände allenthalben, doch: Der Hauptgrund der wirkmächtigen Benachteiligung der philosophierenden wie den nicht-philosophierenden Frauen der Renaissance ist m.E. ein einfacher: Universitätsbesuch war Männern vorbehalten. Ohne lernenden Zugang zu Universitäten (von lehrendem Zugang ganz zu schweigen), ausgeschlossen aus den Einrichtungen in denen (damals wie heute) philosophische Diskussionen ihren primären Ort hatten, ohne die Möglichkeit, in Disputationen Argumente und Argumentationen zu entwickeln und auf ihre Kraft zu prüfen, im lebendigen Austausch unterschiedliche Interpretationen und Positionen zu wägen, Auseinandersetzung mit Philosophie in Breite und innerem wie äußerem Kontext zu erfahren,[11] ohne all das: waren Frauen in keiner Lage die ihnen das Philosophieren so ermöglicht hätte wie es Männern möglich war.[12] Die Renaissance war keine gute Zeit für Philosophinnen und andere Frauen die es hätten werden können. Ich habe mich bewusst entschieden, in diesem Band das entsprechende Dunkel nicht durch angemessen ausführliche Behandlung Christine de Pisans und Marie de Gournays zu überstrahlen, die Lücke nicht durch kursorische Behandlung/Erwähnung einiger anderer zu überdecken.[13]



[1]           Für einen ersten (italienzentrierten) Blick auf intellektuell tätige Frauen ("Humanistinnen") und eine Basisbibliographie älterer Literatur siehe Hanna-Barbara Gerl: Einführung in die Philosophie der Renaissance, Darmstadt [Wissenschaftliche Buchgesellschaft] 1989, pp. 28-31, insbes. p.30n33 & p. 31n34. Nur für Italien (und nicht auf die Renaissance beschränkt, und mit bibliographischen Angaben die z.T. über Italien und die Reanaissance hinausreichen): Letizia Panizza & SharonWood (edd.): A History of Women's Writing in Italy, Cambrifge [Cambridge University Press] 2000, darin insbes. Penny Morris (ed.): Bibliographical guide to bwomen writers and their work (pp.282-337) und die Bibliography pp. 338-350. Für Italien, Frankreich, i.w.S. deutschsprachige Territorien, die Niederlande, Spanien, Ungarn, England siehe Kathrine M. Wilson (ed.): Women writers of the Renaissance and Reformation, Athens and London [The University of Georgia Press] 1987. Eine hervorragende Bibliographie (u.a. mit Verweisen auf weitere Bibliographien) zu englischsprachiger Literatur zu Autorinnen der Zeit  zwischen ca. 1400 und ca. 1700 ist: Margaret King & Albert Rabil, Jr. (edd.): The Other Voice In Early Modern Europe : Series Bibliography : A Comprehensive English Language Bibliography, 2011-01-18, URL http://www.othervoiceineme.com/othervoicebib.html  (gesehen 2011-03-02). Primärliteratur auf englisch, zweisprachig, und in englischer Übersetzung findet sich reichlich in der herrausragenden, ebenfalls von Margaret King und Albert Rabil, Jr. herausgegebenen und in Chicago und Toronto veröffentlichten (Doppel-)Reihe The Other Voice in Early Modern Europe (Informationen zu dieser (doppel-)Reihe und ihren Bänden ist erhältlich unter/via Margaret King & Albert Rabil, Jr.: The Other Voice in Early Modern Europe (2011-02-23), URL http://www.othervoiceineme.com/index.html (gesehen 2011-03-02).
            Dass in dieser Fußnote bisher nicht von "Philosophinnen", sondern von Autorinnen, Schriftstellerinnen, Humanistinnen, intellektuell tätigen Frauen die Rede war ist signifikant: Nur extrem wenige dieser Autorinnen ließen sich auch mit einem "engen" (an den Gegenständen und Genres universitärer Philosophie jener Zeit und an Rezeptions- und Zitationsnetzwerken orientierten) Philosophiebegriff als Philosophinnen bezeichnen. Genug der Texte sind bemerkenswert, lesenswert genug um es lohnend zu machen sie mit einem "weiteren" (an Traditionen des 20. und 21. Jahrhunderts orientierten) Philosophiebegriff (philosophisch/philosophiehistorisch) zu lesen. Aber man sollte sich nicht der Illusion hingeben die meisten in solchem Sinne philosophierenden Frauen der Renaissance wären integrierter Teil der (schon rein numerisch [hierzu sehe man Wilhelm Risses Bibliographia philosophica vetus. - Repertorium generale systematicum operum philosophicorum usque ad annum MDCCC typis impressorum : Hildesheim [Olms] 1998 {11 Bände}] primär von Männern betriebenen) Philosophien der Renaissance gewesen - sie waren es (wie auch das Zitationsverhalten der meisten ihrer männlichen Kollegen zeigt) nicht.
[2]           Die Literatur zu Christine de Pisan und ihren Schriften ist umfangreich, und: da Christine de Pisans Werke auch von Interesse in Kontexten sind die nicht die Autorin (oder gelehrte Frauen der Renaissance) zum eigentlichen Gegenstand haben, durchaus nicht nur auf Werke zu Christine de Pisan und/oder gender studies beschränkt; Christine de Pisan wurde und wird als Philosophin und nicht ("nur") als Philosophin rezipiert. Für einen (durch Verwendiung weiterer bibliographischer Rechercheinstrumente zu ergänzenden) Überblick über einen großen Teil der einschlägigen Literatur siehe Angus J. Kennedy (=Anhus Johnston Kennedy): Christine de Pizan: a bibliographical guide, London [Grant & Cutler] 1984 (= "Research Bibliographies & Checklists" ; 42) plus Angus J. Kennedy: Christine de Pizan: a bibliographical guide : Supplement 1, London [Grant & Cutler] 1994 <recte 1995?> (= "Research Bibliographies & Checklists" ; 42.1) plus Angus J. Kennedy: Christine de Pizan: A Bibliographical Guide : Supplement 2, Woodbridge [Temesis] 2004 (= "Research Bibliographies & Checklists : New Series" ; 5) (siehe hierzu auch die Rezension Andrea Tarnowski in "Medium Aevum" 2005.1 (2005), p. 142s, Text auch eletronisch zugänglich unter URL http://findarticles.com/p/articles/mi_hb6408/is_1_74/ai_n29224899/ (gesehen 2011-03-03)); vgl. auch Barbara K. Altmann & Deborah McGrady (edd.): Christine de Pizan: A Casebook, London [Routledge] 2003 (Rez. durch Leslie C. Brook in "Medium Aevum" 2005.1 (2005), p.142s) plus Dorothy Disse: Christine de Pizan /Pisan (c.1364-aft.1429), (Teil von "Other Women's Voices"), 2011-02-20, URL http://home.infionline.net/~ddisse/christin.html#anchor414134 (gesehen 2011-03-03).
[3]           Für einen ersten Überblick zu Christine de Pisan immer noch empfehlenswert: Régine Pernoud (trans. Sybille A. Rott-Illfeld): Christine de Pizan: Das Leben einer außergewöhnlichen Frau und Schriftstellerin im Mittelalter, München [Deutscher Taschenbuch Verlag] 1990. Ebenfalls zur Einführung geeignet sind zwei Sammelbände zu Christine de Pisans Leben und Kontexten, Werk, Wirkung: John Campbell & Nadia Margolis (edd.): Christine de Pizan 2000: Studies on Chriistine de Pizan in Honour of Angus J. Kennedy, Amsterdam & Atlanta [Rodopi] 2000 und Barbara K. Altmann & Deborah L. McGrady (edd.): Christine de Pizan : A Casebook, New York & London [Routledge] 2003.
            Auf wen die Beobachtung, dass Christine den Pisan die erste postantike Person überhaupt war, die allein von ihren nicht im Rahmen einer offiziellen Stellung verfassten Texten (und nicht von Pfründen, Gehalt/Besoldung, Einkommen als Mitglied eines Hofes, Gesandtentätigkeit ...) leben konnte der Sache nach ursprünglich zurückgeht, weiss ich nicht; neu ist sie nicht.
[4]           Ed. crit. durch Maureen Curnow (The Livre De La Cité Des Dames Of Christine De Pisan: A Critical Edition, Nashville 1975 [Typoskript, zahlreich vervielfältigt, Unterstreichung auf der Titelseite, 2 Bände]); deutsche Übersetzung durch Margarete Zimmermann: Christine de Pisan: Das Buch von der Stadt der Frauen, Berlin [Orlanda Frauenverlag] 1986. (Es gibt zwei weitere kritische Ausgaben des Textes: Monica Lange (ed.): Livre de la cité des dames: Kritische Textedition auf Grund der sieben überlieferten "manuscrits originaux" des Textes, Hamburg 1974 [von mir nicht eingesehen] und Earl Jeffrey Richards (ed.): Christine de Pisan (intr. [& trans. ital.?] Patrizia Caraffi): La Città delle Dame, Roma [Carocci] 2010 [Erstdruck vermutlich 1997]; dafür mich auf diese Ausgabe aufmerksam gemacht zu haben danke ich Corinna Kübler [die selbst, wie auch ich, weiterhin primär die Ausgabe Curnows nutzt: Kathrin Corinna Kübler: Das Gliselidis-Exemplum im Kontext der constance von Männern und Frauen im Livre de la Cité des Dames von Christine de Pizan, München 2009, URL http://www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/SekLit/maCK110715.pdf (gesehen 2011-11-14)].). Zu diesen Editionen siehe Nadia Margolis: Modern Editions : Makers of the Christinian Corpus, in: Barbara K. Altmann & Deborah L. McGrady (edd.): "Christine de Pizan : A Casebook", New York & London [Routledge] 2003, pp. 251-270, spec. p. 264 & p.270n56.
[5]           Eine umfassende Bibliographie (entsprechend denen Kennedys zu Christine de Pisan) liegt soweit mir bekannt für Marie de Gournay leider nicht vor. Für einen ersten Start durchaus geeignet ist Dorothy Disse: Marie le Jars de Gournay (1565-1645), (Teil von "Other Women's Voices"), 2011-02-01, URL http://home.infionline.net/~ddisse/gournay.html (gesehen 2011-03-03).
[6]           Marie de Gournays Werke stehen in zwei Bänden zur Verfügung: Marie de Gournay (Jean-Claude Arnould et al. edd.): Œuvres complètes, Paris [Honoré Champion] 2002.
[7]           S.o. zu Burckhardt. Zudem: Jacob Burckhardt [ed. Horst Günther]: Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989, p. 388: "Zum Verständnis der höheren Geselligkeit der Renaissance ist endlich wesentlich zu wissen, daß das Web dem Manne gleich geachtet wurde. Man darf sich ja nicht irre machen lassen durch die spitzfindigen und zum Teil boshaften Untersuchungen über die vermutliche Inferiorität des schönen Geschlechtes, wie sie bei den Dialogschreibern hin und wider vorkommen" und p. 390: "Von einer aparten, bewussten 'Emanzipation' ist gar nicht die Rede, weil sich die Sache von selber verstand". Lorna Hutson beginnt mit Verweisen auf diese beiden Passagen ihre Introduction (pp. 1-17, hier p.) zu dem von ihr herausgegebenen Band Feminism and Renaissance Studies, Oxford [Oxford University Press] 1999. Erwähnt sei noch, dass die "lebenden Seitentitel" von Jacob Burckhardt [ed. Horst Günther]: Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt a.M. [Deutscher Klassiker Verlag] 1989 für die Seiten 388/389 lauten: "DAS WEIB DEM MANNE GLEICH DURCH ... || ... BILDUNG, POESIE, INDIVIDUALISMUS".
[8]           Und: second to last, but anything but least: Hoffen hierdurch philosophiehistorisch interessierte Leserinnen dieses Textes zur Beschäftigung mit der Geistesgeschichte und Philosophie der Renaissance zu bewegen?
[9]           Bislang habe ich noch keinen Text gefunden, der die These verträte das Gros der von Frauen der Renaissance verfassten Texte von philosophischem Interesse entspräche (oder überträfe gar) nach Qualität der Texte und Breite der behandelten Themen dem Gros der von ihren männlichen "Kollegen" verfassten Texte (wobei zudem es sehr zweifelhaft ist ob es bei an Universitäten oder in universitären Kontexten tätigen Philosophen sinnvoll möglich ist von "Kollegen" der Philosophinen zu sprechen - siehe hierzu weiter unten). Dass die Texte einer Christine de Pisan weit fasszinierender, nach Ansicht wohl jeder ihrer heutigen Leserinnen und Leser auch "besser" (was auch immer "besser" jeweils bedeuten mag) sind als die fast aller männlichen Autoren ihrer Zeit: geschenkt. Aber zwei Schwalben machen keinen Sommer. Ein sinnvoller Vergleich, ein Vergleich geeignet zur Bewertung bzw. Einordnung philosophisch interessanter Texte von Frauen der Renaisance: ein solcher Vergleich ist nur möglich im Blick auf die nicht-außergewöhnlcihen Texte: und da fällt er eher ernüchternd aus. Man nenne mir eine einzige Logikerin, eine einzige Naturphilosophin, eine einzige Metaphysikerin der Renaissance, mehr als fünf politische Philosophinen der Renaissance deren Texte unabhängig vom Geschlecht der Autorin von überdurchschnittlichem Interesse sind - und ich werde mehr umschreiben als nur diese Fußnote hier. (All dies sagt nicht, dass das Gros der philosophierenden Frauen der Renaissance weniger zum Philosophieren "begabt" gewesen wäre als das Gros der philosophierenden Männer der Renaissance. Die Ursachen liegen m.E. an anderer Stelle. Man beende die Lektüre dieser Fußnote, setze die Lektüre des Haupttextes fort.)
[10]          Der Artikel, der am folgenreichsten den Blick auf die Lage von Frauen in der Tenaissance gelenkt hat, ist Joan Kellys (=Joan Gadol=Joan Kelly-Gadol) 1977 zuerst erschienener Text Did Women Have a Renaissance (Joan Kelly: Did Women Have a Renaissance in: Lorna Hutson (ed.): "Feminism and Renaissance Studies", Oxford [Oxford University Press] 1999, pp. 21-47; dieser Artikel sei auch als Start für Zitationsrecherchen zum Thema nachdrücklichst empfohlen: gleich ob man Kelly zustiommz oder nicht: man wird nicht umhin können ihren Text zu zitieren (und hoffentlich auch zu lesen). Der von Lorna Hutson herausgegebene Band Feminism and Renaissance Studies, Oxford [Oxford University Press] 1999 eignet sich generell als Einstieg in dieses Thema (und in diesem Band - abgesehen von Kellys Text - im Blick auf das in dieser Einführung in die Philosophie der Renaissance verhandelte insbesondere die Beiträge von Lorna Hutson selbst sowie Lisa Jardines Women Humanists: Education for what? [pp. 48-81]).
[11]          Auch studentische "Bücherleihzirkel" und geminsamer studentischer Buchbesitz (man denke an die häufigen mehre oder minder zeitgenössischen handschriftlichen Besitzvermerke in Drucken der Renaissance "XYZi et amicorum") sollten nicht unterschätzt werden.
[12]          Darüber dass jetzt da ich dies schreibe im Fach Philosophie ein wohl wohl deutlich geringerer Anteil an Frauen eine Doktorarbeit abschließt als eine Magisterarbeit, dass der Anteil habilitierter Frauen geringer ist als der der promovierten, dass der Anteil der Professorinnen geringer ist als der der Habilitierten (hier an der LMU München, an der ich diese Zeilen schreibe, hatten wir  im Jahr 2011 - als diese Fußnote zuerst gerschrieben wurde - [von einer Gastprofessorin und zwei "außerplanmäßigen" abgesehen] keine einzige Philosophieprofessorin [bei 11 regulären, nicht-emiritierten Professoren, 2 Honorarprofessoren, 15 außerplanmäigen Professoren [bei diesen lesende wie nicht-lesende gezwählt], 4 Gastprofessoren [Ludwig-Maximilians-Uniuversität München: Personen- und Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 2010/2011, Lampertheim [Alpha Informations GmbH] 2010, pp. 572-575]), darüber bin ich mir durchaus im Klaren, aber: ich kenne keine Aussage dass die durchschnittliche Qualität der Veröffentlichungen heutiger Philosophinnen geringer wäre als die durchschnittliche Qualität heutiger Philosophen, und kenne auch keine Anhaltspunkte auf die sich eine solche Aussage sinnvoll stützen könnte.
[13]          Wieviele Philosophinnen es in der Renaissance gegeben habe?: die Antwort auf diese Frage wird unterschiedlich ausfallen, je nachdem einen wie weiten Philosophiebegriff man verwendet. Aber auf mehr als vier Dutzend zu kommen dürfte schwer bis unmöglich sein. Und diesen gerade mal (höchstenfalls) vier dutzend Philosophinnen stehen dann tausende [siehe das Vorwort dieses Bandes] männlicher Philosophen gegenüber.







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            Ein vollständiger Zensus aller rinascimentalen Texte philosophischer Ökonomie, Familiäres wie Extrafamiliäres betreffend, ist mir nicht bekannt. Ihre Zahl ist nicht gering,[1] ihre Vielfalt nicht unbeträchtlich.[2]
            Nicolas Oresmes Abhandlung über Geld;[3] die verschiedenen Ausgaben von Geoffroy de La Tour Landrys Buch für den Unterricht seiner Töchter;[4] Albrecht von Eybs berühmtes Ehebüchlein[5] und Francesco Barbaros De re uxoria[6]; Johannes Versors[7] Liber yconomicorum Aristotelis tractans de gubernatione rerum domesticarum cum commento magistri Johannis versoris legentium aspectibus multum amenus[8] - ein (Ps.-)Aristoteleskommentar, der z.B. schon ziemlich zu Beginn[9] die Frage nach der Einordnung monastischer Ökonomie in das in dem antiken Text Behandelte stellt; Antonio de Guevaras Lob des Privatlebens über das Hofleben und seine Anweisungen für festliche Zusammenkünfte;[10] Dirk Volkertszoon Coornherts politische und ökonomische Emblemata zu rechtem und falschem Gebrauch von Dingen.[11] Eine umfassende Übersicht zu primär nordalpinen Texten philosophischer Ökonomik mit Schwerpunkt auf Aussagen zur Familie hat 2002 Joseph Freedman vorgelegt.[12]
            Herausragend sind unter den mir bekannten Texten rinascimentaler philosophischer Ökonomik des Augustinus Niphus De divitiis von 1531,[13] das auf das wiederholte Ersuchen seines Sohnes, er (A.N.) möge doch bitte Reichtümer erwerben, um seinem Sohn einen größeren Nachlass vererben zu können, antwortet, und Antoine de Montchrestiens Traicté de l'œconomie politique von 1615,[14] mit seiner systematischen Verbindung von Staatseinnahmenmehrung und öffentlicher Wohlfahrt, von staatlichem und individuellem Handeln, von ökonomischem und politischem Handeln, ein Text in dem es um politisch-ökonomische Neuordnung Frankreichs geht, unter Zugrundelegung der Vermutung einzelne Menschen handelten bestimmt durch das Ziel ihres wirtschaftlichen Wohlergehens.

            Zugänge zu philosophischen Theorien und Schriften der Renaissance zu Familie wie zu Ökonomik gibt es zahlreiche. Die diesbezügliche Prominenz des Textes Albertis zeigt sich, so man nicht ihn als Ausgangspunkt und/oder zentrales Werk nimmt, als Wirkung der Rezeption Albertis direkt oder indirekt via Burckhardt, als historiographisches Artefakt. Wir sind frei in der Wahl unserer Zugänge zu Themen wie Texten der Philosophie der Renaissance; unsere Wege sind kontingent, und sollten begründbar unsere sein.



[1]           Es handelt sich um mehrere hundert. Vgl. die (nur das 16. und 17. Jahrhundert betreffende, und auch für diese Zeit durchaus nicht alle derartigen Werke umfassende [Vollständigkeit als Ziel Freedmans sollte hier wohl auch nicht angenommen werden]) Primärbibliographie in Joseph S. Freedman: Philosophical Writings on The family in Sixteenth- And Seventeenth Century Europe in: "Journal of Family History" 27 (2002), pp. 292-342, hier pp. 325-342.
[2]           Ich gebe im folgenden primär Werke als Beispiel, die in vielen Bibliotheken und/oder im Internet verfügbar sind, um Zugriff und eigene weiterführende Studien zu erleichtern.
[3]           Von der langanhaltenden Wirkung dieses Werkes des 14. Jahrhunderts zeugt z.B. diese Ausgabe des 17. Jahrhunderts: Nicolaus Oresmius: Tractatus De Mutatione Monetarum, Helmstadi [Rabe] 1622, verfügbar unter URL http://diglib.hab.de/drucke/fg-163/start.htm (gesehen 2011-03-18)
cf. etiam: Andreas Dinner (praes.) Paul Weber, Friedrich Becht & Daniel Imlin (respondentes): Disputationes Tres, De Monetae Mutatione, Quoad Solutionem, <Altdorf> [E Typographia Balthasaris Scherffii] 1622, verfügbar unter URL http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0003/bsb00030569/images/ (gesehen 2011-03-18)
[4]           z.B.: Geoffroy de La Tour Landry (trans. Marquart <von Stein> [=Marquard vom Stein]: Zuchtmeister der Weiber und Jungfrawen, auß biblischen und weltlichen Historien [= Livre pour l'enseignement de ses filles <deutsch>] Franckfurt am Mayn [Martin Lechler] 1572, verfügbar unter URL http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0003/bsb00037640/images/ (gesehen 2011-03-18)
[5]           Zahlreiche Ausgaben. Auch elektronisch leicht verfügbar.
[6]           für Links zu elektronischen Versonen des Druckes Haganoae [ex officina Seceriana] 1533 siehe http://www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/W4RF/YaBB.pl?num=1285328167 (gesehen 2011-03-18)
[7]           = Ioannes Versorius.
[8]           Ioannes Versorius: Liber yconomicorum Arestotelis<!> tractans de gubernatione rerum domesticarum cum commento magistri Johannis versoris legentium aspectibus multum amenus, Köln [Quente4l] ca. 1495, verfügbar via URL http://diglib.hab.de/inkunabeln/149-3-quod-2f-2/start.htm (gesehen 2011-03-18)
[9]           Ioannes Versorius: Liber yconomicorum Arestotelis<!> tractans de gubernatione rerum domesticarum cum commento magistri Johannis versoris legentium aspectibus multum amenus, Köln [Quentel] ca. 1495, f. <a i> rbs.
[10]          Antonio de Guevara: Zwey schöne Tractätlein : Deren das eine: De Molestiis Aulae Et Ruris Laude, Darinnen die müheseligkeit des Hofs, und Glückseligkeit des Landlebens angezeiget, und mit denckwürdigen Exempeln erwiesen wird, Wie viel herrlicher, nützlicher, sicherer, und ersprießlicher das Privatleben vor dem Hofleben sey, Und was für Gefährligkeiten dieses vor jenem habe , Anfangs durch Herrn Antonium de Guevarra, Bischofn zu Mondonedo, und weyland Keyser Caroli V. Historico, in Hispanischer Sprach beschrieben. Das andere, De Conviviis et Copotationibus, von Gatereyen und Zutrincken, ... Durch Aegidium Albertinum, Fürstl. Durchl. in Bäyern Hofraths Secretarium verdeutscht, Leipzig [Bey Henning Grossen] 1621, verfügbar unter URL http://diglib.hab.de/drucke/xb-2486-1s/start.htm (gesehen 2011-03-18).
[11]          Theodorus Cornhertius: Emblemata Moralia, Et Oeconomica, De Rerum Usu Et Abusu, Arnhemi [Jansonius] 1609, verfügbar unter URL http://diglib.hab.de/drucke/258-2-hist-2s/start.htm (gesehen 2011-03-18).
[12]          Joseph S. Freedman: Philosophical Writings on The family in Sixteenth- And Seventeenth Century Europe in: "Journal of Family History" 27 (2002), pp. 292-342.
[13]          Augustinus Niphus (=Agostino Nifo): De Divitiis Libellus Ad Iacobum Filium, in: Augustinus Niphus: "Prima Pars Opusculorum Magni Augustini Niphi Medices philosophi Suessani : in quinque libros divisa, secundum varietatem tractandorum, ab ipsomet nuper in lucem edita", Venetiis [Scotus] 1535, pp. 34-67, zugänglich via URL http://www.uni-mannheim.de/mateo/itali/nifo2/jpg/s034.html bzw. http://www.uni-mannheim.de/mateo/itali/autoren/nifo_itali.html (gesehen 2011-03-18).
[14]          Antoine de Montchrestien (ed. Th. Funck-Brentano): Traicté de l'œconomie politique, Paris [Plon] 1889, zugänglich unter URL http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k106383n (gesehen 2011-03-18).
 




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