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2015-08-07

Centuria I, Experimentum 35: Orte und Jahre: Florenz 1519

Ausschnitte aus hck: "Philosophie der Renaissance": Teil 6




Hier nun der sechste Teil der Ausschnitte aus meinem 2014 erschienenen Einführungsband zur Philosophie der Renaissance. Zum Kontext und für Auszüge aus dem Kapitel "München 2013" siehe hier. Auszüge aus dem vorigen Kapitel ("Wien 1489") gibt's hier .


Und hier die Ausschnitte:


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Florenz 1519

            1519 (oder 1520, oder 1521 - je nach Datierung des Textes der im Mittelpunkt dieses Kapitels steht),[1] das ist das Jahr, in dem Niccolò Machiavelli[2] (jahrelang Verwaltungsangestellter des Gemeinwesens Florenz, später geschasst, Militärtheoretiker, politischer Reiseschriftsteller, Dramatiker, Literat,[3] noch heute gerühmt ob seines luziden Prosastils[4]) versucht zu tun, was nach seiner eigenen Aussage das ist, was jemanden in höchstem Maße verehrungswürdig und wunderbar macht: er versucht seiner Heimatstadt Florenz[5] eine neue und gute politische Ordnung zu geben.
            In De principatibus[6] (dem Werk, das im Deutschen heute meist unter dem Titel "Der Fürst" bekannt ist), hatte er geschrieben:

E veruna cosa fa tanto onore a uno uomo che di nuovo surga, quanto fa le nuove legge e li nuovi ordini trovati da lui: queste cose, quando sono bene fondate et abbino in loro grandezza, lo fanno reverendo e mirabile.[7]
Und nichts bringt einem Mann der neu aufsteht[8] so viel Ehre als wenn er die neuen Gesetze und die neuen Ordnungen macht, die er erfunden hat: diese Sachen, wenn sie gut fundiert sind und in sich Größe haben, machen ihn verehrungswürdig und erstaunlich.
Im selben Werk steht aber schon vorher[9] zu lesen:

Ma sendo l'intenzione mia [stata][10] scrivere cosa che sia utile a chi la intende, mi è parso più conveniente andare drieto alla verità effettuale della cosa che alla immaginazione di essa. E molti si sono immaginate republiche e principati che non si sono mai visti né conosciuti in vero essere. Perché gli è tanto discosto da come si vive a come si dovrebbe vivere, che colui che lascia quello che si fa, per quello che si dovrebbe fare, impara più presto la ruina che la preservazione sua: ...[11]
       Aber nachdem es meine Absicht ist, etwas zu schreiben das dem der es versteht nützlich ist, schien es mir konvenienter direkt zur wirklichen Wahrheit der Sache zu gehen, als zu einem Vorstellungsbild von dieser. Und viele haben sich Republiken und Fürstentümer ausgedacht die in wahrer Existenz nie gesehen oder gekannt wurden. Denn es einen so großen Abstand gibt zwischen dem wie man lebt und dem wie man leben müsste, dass derjenige, der das was man tut aufgibt für das was man tun müsste, viel eher seinen Untergang lernt als seinen Erhalt.
Erdachte Gemeinwesen, Idealstaaten: das gehört für Machiavelli zu literarischer Vergangenheit,[12] ihm geht es um die faktische Gegenwart.[13] 1513 (als De principatibus entstand) war Thomas Morus' Utopia[14] noch nicht veröffentlicht. Dafür dass er sie 1519 (als sein Discursus, der "Leittext" dieses Kapitels hier ist, entstand) gekannt hätte ist mir kein Beleg bekannt - obwohl Morus' Werk auch in Florenz gerade im Jahr 1519 (als Anhang einer Lukian-Ausgabe)[15] gedruckt wurde.[16]

            Eine scharfe Scheidung zwischen Texten über ausgedachte Gemeinwesen und Texten für die reale politische Wirklichkeit und Wirksamkeit scheint nach Machiavelli möglich. Doch mir scheint sie oft schwierig. Selbst Morus' Utopia enthält Auseinandersetzungen mit ungeschehener[17] wie mit teilweise existierender Englischer Gesetzgebung,[18] und war (zusammen mit anderem) maßgebliche Vorlage für die von Vasco de Quiroga erdachten, geordneten und gegründeten - und bemerkenswert dauerhaften - mexikanischen Gemeinwesen.[19] Und auf der anderen Seite ist der Grad geschehener Realitätsumsetzung selbst bei Machiavellis Texten,[20] und Harringtons Oceana[21] gelinde gesagt gering.[22]


[1]           Es handelt sich um den Discursus florentinarum rerum post mortem iunioris Laurentii Medices (ed. Jean-Jacques Marchand in: Niccolò Machiavelli (edd. Jean-Jacques Marchand, Denis Fachard & Giorgio Masi): L'arte della guerra : Scritti politici minori, Roma [Salerno editrice] 2001, pp. 621-641 (Edition der Entwurfsfassung: pp. 697-710). Die Datierung in der Einführung zu dieser Edition (op. cit., p. 623s) auf 1520 oder 1521 geht davon aus, dass der Text aufgrund einer Anforderung durch Giulio de'Medici entstand, und nicht aufgrund Eigeninitiative Machiavellis. Da weder der Titel des Textes noch sein Eröffnungsabsatz auf einen deratigen Auftrag durch Giulio de'Medici schließen lassen, und sich der Text selbst direkt an den (damaligen) Medici-Papst (Leo X.) und nicht an den (damaligen) Kardinal Giulio de'Medici richtet, scheint mir Entstehung aufgrund Eigeninitiative Machiavellis nicht unwahrscheinlich (geschweige denn unmöglich); in solchem Falle wäre März 1520 terminus ante (cf. op. cit. p. 624 & 624n14); falls Marchand (op. cit. 624) recht hat, so ist der Text zwischen November 1520 und Januar 1521 entstanden. Najemy (siehe folgenden Absatz) datiert auf 1520 (was nach beiden Hypothesen zu den Entstehungsgründen möglich ist).
            Für ältere Sekundärliteratur zu diesem Text und seinen Kontexten (und eine immer noch lesenswerte Einführung) siehe Sergio Bertelli (ed.): Niccolò Machiavelli (edd. Jean-Jacques Marchand, Denis Fachard & Giorgio Masi): L'arte della guerra e scritti politici minori, Milano [Feltrinelli] 1961, pp. 247-260. John M. Najemys Analysen und Kommentare zu diesem Text Machiavellis in seinem (Najemys) A history of Florence 1200-1575, Chichester : Blackwell 2008, pp. 437-440 ist extrem lesenswert und stimmt in mehrerem mit meinen eigenen Urteilen über Bemerkenswertes im Text Maxhiavellis überein.
            Im folgenden werde ich den Discursus florentinarum rerum post mortem iunioris Laurentii Medices nach der erwähnten Ausgabe Marchands, mit der Abkürzung DFR gefolgt jeweils von Satz- bzw. Absatznummer (§) und Seitenzahl(en) zitieren. Der Text steht unter URL  http://machiavelli.scarian.net/machiavelli_discursus_florentinarum_rerum.html  (gesehen 2011-08-18) auch im Internet zur Verfügung - wenn auch nicht in der von mir verwendeten Edition sondern (laut eigener Auskunft) einer Ausgabe durch Ezio Raimondi  gedruckt 1966 folgend.
[2]           Teile dieses Kapitels basieren auf Heinrich C. Kuhn: Niccolò Machiavelli (1469-1527): A Good State for Bad People, in: Paul Richard Blum (ed.): "Philosophers of the Renaissance", Washington [The Catholic University of America Press] 2010, pp. 116-123 und dessen deutschsprachiger Vorgängerversion (Niccolò Machiavelli (1469-1527) : Guter Staat für schlechte Menschen" in: Andreas Graeser (ed.): "Grosse Philosophen", Darmstadt [Primus] 2001, pp. 337-343 = Niccolò Machiavelli. Guter Staat für schlechte Menschen, in: Paul Richard Blum (ed.): "Philosophen der Renaissance : Eine Einführung", Darmstadt 1999, pp. 104-110, und auf Heinrich C. Kuhn: Ideal Constitutions in the Renaissance: Sizes, structures, dynamics, (dis)continuities in: Heinrich C. Kuhn & Diana Stanciu (edd.): "Ideal Constitutions in the Renaissance", Frankfurt a.M. [Peter Lang] 2009, pp. 9-27. Zu den Gründen solcher Wiederverwertung von bereits veröffentlichtem gilt was ich auch schon im vorigen Kapitel geschrieben habe: Solches Vorgehen scheint mir erwähnenswert, aber nicht illegitim: Ich sehe keinen Grund alles was ich bevor ich diesen Band hier begonnen habe geschrieben habe für thematisch zu irrelevant für die Behandlung in einem Band wie diesem zu erklären; und ich sehe keinen Grund etwas das ich an anderem Ort in von mir - damals - in mir bestmöglicher Formulierung gesagt habe, hier in schlechterer Formulierung zu sagen nur um Formulierungsidentität zu vermeiden.
            Eine Einführung zu Leben, Werk und Nachleben gibt, mit einem Verzeichnis wesentlicherer Literatur bis zu den frühen 1980er Jahren August Buck: Machiavelli, Darmstadt [Wissenschaftliche Buchgesellschaft] 1985. Über Ausgaben des 16. mit 19. Jahrhunderts informiert: Sergio Bertelli & Piero Innocenti: Bibliografia Machiavelliana, Verona [Edizioni Valdonega] 1979. Über neuere Literatur zu Machiavelli informieren die Bibliographie internationale de l'humanisme et de la Renaissance (ISSN: 0067-7000), sowie (wenn auch auf mit einem gewissen Schwerpunkt auf Zeitschriftenbeiträgen - allerdings inklusive Rezensionen von Monographien und Sammelbänden) die Iter Bibliography  ; aktueller, aber auf Beiträge in ausgewählten "allgemeiner orientierten" und meist englischsprachigen Zeitschriften beschränkt, ist die Datenbank Current contents bzw. Web of Science des ISI.
[3]           Machiavelli bietet in seinen Werken genug der Widerprüche, Sprunghaftigkeiten, Inkonsistenzen und dunklen Stellen, um bis heute und auch noch in Zukunft schlüssiger Interpretation Widerstände entgegenzusetzen, bietet seinen Leserinnen und Lesern mehr als genug des Außerordentlichen. Die Sekundärliteratur ist - gelinde gesagt - reichhaltig und vielfältig; was an der neueren Sekundärliteratur die wichtigsten Texte seien, darüber besteht keine Einigkeit, und sie ist zu  umfangreich um sie hier zu bibliographieren (siehe zur Sekundärliteratur auch den zweiten Teil der vorigen Fußnote).
            Für Inkonsistenzen zwischen einzelnen Werken Machiavellis selbst vergleiche man z.B. die durchaus untereinander abweichenden Aussagen ◊ zu Festungen in De principatibus und den Discorsi (z.B. De principatibus cap. 20 [Niccolò Machiavelli (ed. Giorgio Inglese): De principatibus, Roma [Istituto Storico Italiano per il medio evo] 1994, p. 287s - zum Gebrauch dieser Ausgabe in diesem Beitrag statt der von Martelli und Marcelli [Mario Martelli & Nicoletta Marcelli (edd.): Niccolò Machiavelli: Il Principe, Roma [Salerno] 2006] siehe unten)) im Vergleich zu Discorsi II cap. 24 (Niccolò Machiavelli (ed. Francesco Bausi): Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio, Roma [Salerno] 2001, pp. 463sqq), ◊ die unterschiedlichen Einschätzungen der Florentiner politischen Ordnung in der Provisione della ordinanza / den Provissioni della repubblica di Firenze per istituire il magistrato de' nove ufficiali dell' ordinanza e milizia fiorentina ... Provisione prima (Niccolò Machiavelli (edd. Jean-Jaques Marchand, Denis Fachard & Giorgio Masi): L'arte della guerra, Scritti politici minori, Roma [Salerno] 2001, pp. 477sqq) im Vergleich zu parallelen Passage in La cagione dell'ordinanza dove si trovi e quel che bisogni fare / im Discorso dell' ordinare lo stato di Firenze alle armi Niccolò Machiavelli (edd. Jean-Jaques Marchand, Denis Fachard & Giorgio Masi): L'arte della guerra, Scritti politici minori, Roma [Salerno] 2001, pp., 470sqq), ◊  die Aussagen zu Francesco Sforza in der Arte della guerra I (ed. cit., p. 42s) im Vergleich zu denen in De principatibus cap. 7 (Niccolò Machiavelli (ed. Giorgio Inglese): De principatibus, Roma [Istituto Storico Italiano per il medio evo] 1994, p. 208); für innere Widersprüche in den Discorsi (und einen Versuch, sie durch Überlegungen zur Chronologie der Entstehung aufzulösen) siehe Francesco Bausi: I 'Discorsi' di Niccolò Machiavelli : Genesi e strutture, Firenze [Sansoni] 1985 (und auch Bausis Introduzione zu Niccolò Machiavelli (ed. Francesco Bausi): Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio, Roma [Salerno] 2001.
[4]           Sebastian De Grazia: Machiavelli in hell, New York [Vintage Books] 1994, p. 3 nennt ihn Italiens größten Prosaiker ("her greatest writer of prose").
[5]           Für die politischen Kontexte (und Vorgeschichte) siehe John M. Najemy: A history of Florence 1200-1575, Chichester [Blackwell] 2008, pp. 250-306 & 341-446.
[6]           Ich folge, wie erwähnt, der Ausgabe Ingleses (Niccolò Machiavelli (ed. Giorgio Inglese): De principatibus, Roma [Istituto Storico Italiano per il medio evo] 1994), im folgenden zitiert als DP1994, und nicht der durch Martelli und Marcelli (Mario Martelli & Nicoletta Marcelli (edd.): Niccolò Machiavelli: Il Principe, Roma [Salerno] 2006), im folgenden zitiert als DP2006. Beider Ausgaben Begründungen für ihre textkonstituierenden Entscheidungen sind m.E. nicht ohne Plausibilität, und beider Ausgaben Begründungen zwingen m.E. nicht zur Zustimmung. Beide Ausgaben gehen (m.E. überzeugend) davon aus, dass es nicht einen einzigen festen, unveränderten Archetyp gegeben hat; beider Stemmata verwenden postulierte nicht-erhaltene Handschriften (man vergleiche DP1994, p. 152s und DP2006, p. 424), wobei aber DP1994 (pp. 153-157)  offener, tentativer, unendgültiger, und nicht zuletzt soweit ich sehe dem Phänomen der Kontaminationen verschiedener Handschriften mehr Gewicht beimessend ist. DP2006 (insbes. pp. 347-424) begründet seine Hypothesen zur Textentstehung und Filiation in sehr erheblichem Maße inhaltlich; d.h.: diese Ausgabe geht davon aus aus inhaltlichen Gründen sagen zu können, was dort wo unterschiedliche Lesarten vorliegen die richtige Lesart sei; wer so vorgeht setzt voraus den Sinn eines Textes verstanden zu haben bevor dieser Text konstituiert ist: die Reihenfolge ist von der Interpretation eines so nicht überlieferten "idealen" Textes durch den oder die Herausgeber zu dem Text den die Leser/innen der Ausgabe dann zu interpretieren versuchen; ob (und ggf. aus welchen Gründen) es Herausgeberaufgabe sei so, oder zurückhaltender zu edieren mag dahingestellt sein; Personen ohne Erfahrung in der Auseinandersetzung mit dem Text und seiner Überlieferung (die nicht den geringsten Teil der erhofften Leserinnen und Leser dieser Seiten hier darstellen) werden so jedenfalls mehr als nötig auf eine bestimmte Interpretation des Textes (gleich ob richtig oder falsch!) festgelegt als nötig. DP1994 ist im Vergleich zu DP2006 stärker texthistorisch in den Argumentationen die zu seiner Textkonstitution hinführen. Zudem weicht DP2006 stärker als DP1994 von der die vorherige Interpretation leitenden Tradition der Textüberlieferung ab (was nur dann ohne Gewicht wäre wenn der Test von DP2006 zwingend überzeugender, oder zumindest weitaus plausibler wäre als der von DP1994 - was er zumindest für mich nicht ist). Hinzukommt, dass DP1994 einen Text mit kräftiger Florentinischem (statt "nur" Toskanischem) Akzent bietet, was dazu führt dass es beim Lesen schwerer ist die Verortung des Textes zu übersehen, zu übergehen, zu vergessen - ein "autodidaktischer" Grund DP1994 zu bevorzugen. Dies sind meine Gründe weiterhin DP1994 zu verwenden. Wer auch immer sich mit De principatibus beschäftigt und Italienisch liest wird - selbst dann wenn der Text von DP1994 vorgezogen wird - gut daran tun, DP2006 mindestens wegen der Kommentare zum Text (in den Fußnoten zum Text) ebenfalls zu konsultieren.
[7]           DP 1994 (c. 26) p. 309.
[8]           i.e.: einem "Neuen Fürsten", einem Herrscher der sein Amt nicht ererbt hat. DP2006, p. 316 & 316n23 weicht in Text ("si veggia" statt "surga") wie Interpretation ab: in etwa (n23): jemand der als Handelnder beginnt sichtbar zu werden: was weniger plausibel erscheint, da für eines solchen noch nicht erkennbar wäre, dass seine Gesetz- und Ordnungsgebung wohlfundiert ist - solches wird erst an ihrer Stabilität ersichtlich. (Man missverstehe mich nicht: Ich halte inhaltliche Plausibilität für - von Extremfällen abgesehen - kein taugliches Kriterium der Auswahl der einer Diskussion zugrundegelgten Edition, oder der Auswahl einer Leithandschrift, da "inhaltliche Plausibilität" letztendlich nichts anderes bedeutet, als Tauglichkeit als Beleg für die Interpretation der interpretierenden Person, und somit Interpretation und Grundlage der Interpretation, Argumentation und Prämisse der Argumentation sich gegenseitig [wenn's nicht zu schmal für beinen Kries wäre, könnte man sagen: zirkulär] begründen. Einziger Zweck der Anführung der inhaltlichen Überlegenheit des Haupttextes von DP 1994 über den von DP 2006 war zu zeigen, dass nicht erfolgreich behauptet werden kann, DP 2006 sei durchweg aus Gründen inhaltlicher Plausibilität überlegen.)
            Im Folgenden verzichte ich auf eine Aufführung und Diskussion der Abweichungen zwischen DP 1994 und DP 2006: zum einen scheint mir in einem einführenden Text wie dem hier vorgelegten nicht der rechte Platz dafür (da dies hier vom Genre her kein Machiavelli-Kommentar ist), und zum anderen scheint es mir nicht von Interesse: wer mit dem Italienischen Text von De principatibus arbeitet wird entweder ohnehin beide Ausgaben vergleichen, oder aus wohlerwogenen Gründen einer von beiden so starken Vorrang geben dass ein solcher Vergleich (ihm oder ihr) unterbleiben kann. Für eine künftige Neuübersetzung von De principatibus ins Deutsche (und/oder andere Sprachen) steht wer übersetzt vermutlich vor schwierigeren Entscheidungen als ich sie hier getroffen habe.
[9]           Vgl. auch (im selben Kapitel wie das im folgenden zitierte [und dort etwas später]): "Lasciando adunque adrieto le cose circa uno principe immaginate, e discorrendo quelle che sono vere, dico ..." (DP 1994 (c. 15, p. 254): "Da ich daher die Sachen die man sich in bezug auf einen Fürsten vorgestellt hat hintermir lasse, und über die Sachen handle, die wahr sind, sage ich ...".
[10]          Ich verzichte mit Ingleses α und β auf das "stata".
[11]          DP 1994 (c.15), p. 253.
[12]          und ist ihm als Handlungsvorlage für politisch tätige Menschen gefährlich.
[13]          Durchaus unter Nutzung von Geschichtsschreibung, die von Machiavelli aber - soweit ich sehe - nie als litearisches Produkt diskutiert wird, wohl aber, wo er selbst als Geschichtsschreiber tätig wird, von den Quellen abweichend gestaltet (exemplarisch in seiner Biographie des Castruccio Castracani).
[14]          Thomas Morus: Utopia = Edward Surtz & J. H. Hexter (edd.): The Complete Works of St. Thomas More ; Volume 4, New Haven : Yale University Press 1979. Zur Entstehungszeit der Utopia (1514-1516) siehe Hexters Einfohrung, op. cit., pp. XVsqq.
[15]          Bibliographische Beschreibung: http://gateway-bayern.de/BV021253720 und (insbes.) vom "OPAC SBN" ( http://www.sbn.it bzw. http://opac.internetculturale.it/ ):
      Livello bibliografico:
            Monografia
      Tipo documento:
            Testo a stampa
      Autore:
            Lucianus
      Titolo:
            Luciani Opuscula Erasmo Roterodamo interprete. Toxaris, siue de Amicitia. Alexander, qui et Pseudomantis Gallus siue somnium Timon, seu Misanthropus ... Declamatio Mori de eodem. Eiusdem Thomae Mori. De optimo Reip. statu deque noua insula Vtopia libellus vere aureus
      Pubblicazione:
            (Impressum Florentiae : per haeredes Philippi Iuntae, 1519 anno a christiana salute supra mille mense Iulio ...)
      Descrizione fisica:
            279 [ i.e. 284! c. ; 8o
      Note Generali:
            Segn.: a-z8 (et)8 (cum)8 (rum)8 A-I8 K4
      Marca tip. in fine     
      Numeri:
            Impronta - n-ti umi- i-ru rebu (3) 1519 (R)
      Marca:      Marca non controllata
      Nomi:       Lucianus
      Erasmus : Roterodamus  
      More, Thomas <1478-1535>    
      [Editore] Giunta, Filippo <1.> eredi    
      Paese di pubblicazione:
            ITALIA
      Lingua di pubblicazione:
            latino
      Codice del documento:
            IT\ICCU\RMLE\020531
[16]          Zu den frühen Ausgaben der Utopia siehe Surtz in Thomas Morus: Utopia = Edward Surtz & J. H. Hexter (edd.): The Complete Works of St. Thomas More ; Volume 4, New Haven : Yale University Press 1979, pp. CLXXXIII-CXC. Zur Florentiner Ausgabe von 1519 dort p. CXC.
[17]          Vgl. Hexters Ausführungen zu strafrechtlichem in Edward Surtz & J. H. Hexter (edd.): The Complete Works of St. Thomas More ; Volume 4, New Haven : Yale University Press 1979, p. CXVIII.
[18]          cf. Edward Surtz & J. H. Hexter (edd.): The Complete Works of St. Thomas More ; Volume 4, New Haven : Yale University Press 1979, p. 325sn64/31 zu "enclosures" und Hartmut Zückert: Allmende und Allmendaufhebung : Vergleichende Studien zum Spätmittelalter bis zu den Agrarreformen des 18./19. Jahrhunderts, Stuttgart: Lucius & Lucius 2003, p. 137 (Konsultiert via Google books).
[19]          Siehe Heinrich C. Kuhn: Ideal Constitutions in the Renaissance: Sizes, structures, dynamics, (dis)continuities in: Heinrich C. Kuhn & Diana Stanciu (edd.): "Ideal Constitutions in the Renaissance", Frankfurt a.M. [Peter Lang] 2009, pp. 9-27, hier p. 12 und 15, und die dort angegebene Literatur: insbes. Vasco de Quiroga: [Opera] (= Paz Serrano Gassent [ed.]: Vasco de Quiroga:  La Utopía en América, Madrid : Historia 1992), pp. 229, 245s & 265-286, Fintan B. Warren: Vasco de Quiroga and his Pueblo Hospitals of Santa Fe,  Washington : Academy of American Franciscan History 1963, insbes. pp. 29s & 34 & 114s &119s. Für Kontexte extrem aufschlussreich ist Bernardino Verástique: Michoacán and Eden : Vasco de Quiroga and the Evangelization of Western Mexico, Austin: University of Texas Press 2000
[20]          Zum Discursus von 1519 siehe weiter unten. zu De principatibus siehe Ingeleses Ausführungen in DP 1994, pp. 7-10 (vgl. auch DP 2006 p. 23& p. 55n1) zur Dedikationsgeschichte des Werkes.
[21]          James Harrington (ed. John G. A. Pocock): The Commonwealth of Oceana and A System of Politics, Cambridge : Cambridge University Press 1992. Harringtons Text wird gelegentlich als unübersichtlich empfunden. Wer nach bestimmten Termini darin sucht dem steht der in elektronischer Form (u.a.) unter den URLs  http://socserv.socsci.mcmaster.ca/~econ/ugcm/3ll3/harrington/oceana  und  http://www.gutenberg.org/dirs/2/8/0/2801/2801-8.txt bzw.  http://www.gutenberg.org/dirs/2/8/0/2801/2801.txt (alle gesehen 2011-08-049 zur Verfügung.
[22]          Wo in den Texten des 14. mit 17. Jahrhunderts zu (relativ oder absolut) "besten Gemeinwesen" (in der Formulierung Morus: "De optimo statu reipublicae"), wo in diesen Texten  (abgesehen vom eben erwähnte Beispiel Quirogas und dem oben im Kapitel "Prag 1356" angesprochenen Defensor pacis des Marsilius von Padua) die größte "Realitätsnähe" zu finden wäre weiss ich nicht zu sagen, ein guter Kandidat könnte Christine de Pizans Le livre du corps de policie (Edition critique avec introduction, notes et glossaire par Angus J. Kennedy), Paris : Honoré Champion 1998 sein.
 








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            Perfekt: einzige mögliche Lösung, eine Verfassung für den Übergang, eine Verfassung die ohne formale Veränderung den Übergang von einer Medici-Monarchie in eine Republik ermöglicht, Abwehr von Gefahren, Sicherheit, größter Ruhm für den Medici-Papst (und ohne dass das gesagt würde: wohl auch für Machiavelli).
            Der Text hat auch durchaus Interesse gefunden: wir wissen von 7 überlebenden Handschriften.[1]
            Doch die Medici folgen (nach einem durch Aufstand verursachten republikanischen Interludium) nicht Machiavellis Rat, sondern dem Goro Gheris (der, ebenso wie Machiavelli nach dem Tod des jüngeren Lorenzo de'Medici schreibend, dynastische Medici-Nachfolge unter Rückgriff auf uneheliche Abkommen empfohlen hatte).[2] Florenz wird Erbmonarchie - ohne dass dafür die formale Verfassung von Florenz in mehr als einem Punkt verändert werden musste.[3]



            Schriften zur Verfassung bester Gemeinwesen sind in der Renaissance durchaus häufig,[4] Einfluss auf Ordnung, Institutionen und Prozesse realer Gemeinwesen aber scheint - mit Ausnahme der Texte und Gründungen Quirogas[5] - nicht belegt. Für "utopische" Texte mit offensichtlicher späterer Umsetzung in Realität muss man wohl bis in's 20. Jahrhundert (mit Lenins Was tun und Khomeinis Wilāyat Faqih) warten. Und auch erst im 20. Jahrhundert haben die Schriften zur Verfassung bester Gemeinwesen aus der Renaissance breite sekundärliterarische Behandlung gefunden.[6] Die Verbindung der Form des Reiseberichts bei nicht wenigen dieser Texte mit dem Wissen über Entdeckungsreisen jener Zeit mag für ihre Anziehungskraft nicht unerheblich sein.
            Dass in vielen dieser erdachten Gemeinwesen Gelehrte herrschen,[7] mag manchen der über sie Sekundärliteratur schreibenden Gelehrten nicht unwillkommen sein.[8]

            Vor allem aber dokumentieren die Primärtexte (gleich ob universitär oder extrauniversitär, gleich ob innerhalb oder außerhalb von Verwaltungskontexten entstanden) dass zu jener Zeit politische Verhältnisse für veränderbar gehalten wurden, und das Schreiben über Alternativen für sinnvoll, und die Alternativen vielgestaltig, und situationsbezogen.[9]



[1]           op.cit., p. 621s. Zum Vergleich: 19 Handschriften für De principatibus (ohne die vom Druck abhängigen): DP1994, p. IXs & pp. 37-56.
[2]           John M. Najemy: A history of Florence 1200-1575, Chichester [Blackwell] 2008, p. 442 für diesen Rat, und pp. 441-468 für weitere Ratschläge und vor allem die weiteren Geschehnisse.
[3]           John M. Najemy: A history of Florence 1200-1575, Chichester [Blackwell] 2008, p. 468s.
[4]           Siehe z.B. Denis Brukmans & Laurent Portes: La littérature utopique : bibliographie séléctive, URL http://expositions.bnf.fr/utopie/cabinets/rep/indbiblio.htm (2004-07-07, gesehen 2011-08-19) und die in Heinrich C. Kuhn & Diana Stanciu (edd.): "Ideal Constitutions in the Renaissance", Frankfurt a.M. [Peter Lang] 2009 diskutierten Texte. Eine sehr nützliche Basis-Bibliographie für extrauniversitäre und extraadministrative Texte ab 1516 ist: Richard Serjeantson & Clare Jackson: Utopian Writing, 1516-1798 : Bibliography, URL:  http://www.trin.cam.ac.uk/rws1001/utopia/bibliog.htm (2009-06-09, gesehen 2011-08-29).
[5]           s.o..
[6]           siehe z.B. zusätzlich zum bereits erwähnten: Bibliothèque Nationale de France (ed.): Bibliographie générale, URL: http://expositions.bnf.fr/utopie/cabinets/rep/indbiblio.htm (2004-07-07, gesehen 2011-08-19).
[7]           siehe z.B. Heinrich C. Kuhn: Ideal Constitutions in the Renaissance: Sizes, structures, dynamics, (dis)continuities in: Heinrich C. Kuhn & Diana Stanciu (edd.): "Ideal Constitutions in the Renaissance", Frankfurt a.M. [Peter Lang] 2009, pp. 9-27, hier p. 20s.
[8]           Obwohl einigen von denen die Erfahrung mit Gremien akademischer Selbst­verwaltung haben Zweifel daran gekommen sein mögen, dass Gelehrtenherrschaft optimale Herschafft ist.
[9]           Heinrich C. Kuhn: Ideal Constitutions in the Renaissance: Sizes, structures, dynamics, (dis)continuities in: Heinrich C. Kuhn & Diana Stanciu (edd.): "Ideal Constitutions in the Renaissance", Frankfurt a.M. [Peter Lang] 2009, pp. 9-27, hier p. 23s: '... the results have confirmed, that the text in question is  a response to a specific situation, a text not only about but also for a specific commonwealth: and advocates not the "ideal constitution" nor even an "ideal constitution" but this particular "ideal constitution". The texts differ greatly, yet they belong together because of their common set of basic reference texts, because of their interrelations and, last but not least, because they have in common the quest for the best || possible constitution for a specific commonwealth - in spite of the differences between these commonwealths. And perhaps this is what is most fascinating. These authors propose answers to the question of what the best constitution might be in a continuum extending from empires to villages and abbeys, from Europe to America to Utopia, from hegemony to subsistence. In their radically dissimilar contexts, and with radically differing results, they seem to be occupied not so much with the question of how best to construct and run a state, but with the question of what constitutes a "good" community.'



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